Kurzgeschichten

Der Wandel

Es begann zu tröpfeln, als ich in die Straßenbahn stieg. Das Wetter paßte zu meiner Stimmung. Nicht Sonnig aber auch kein Sturm. Erschöpft fiel ich in meinen Sitz und schloß die Augen, während ich den sanften Warnton der Bahn hörte, der einem sagte, daß sich die Türen nun schließen. Ich öffnete meine Augen wieder, denn auch wenn ich ziemlich Müde war, So wollte ich dennoch nicht in der Bahn einschlafen. Wir passierten eine Haltestelle nach der Anderen. Es war ein ständiger Fluß von Ein- und Aussteigenden. Jedes Mal bot sich das gleiche Bild: Wenn eine Mutter versuchte mit Ihrem Kind auszusteigen, wurden sie von rücksichtslosen Geschäftsmännern umgerannt. Als ich meinen Blick dann so durch die Bahn schweife lies bemerkte ich plötzlich, daß es erstaunlich viele dieser Anzugträger waren, die sich mit in der Bahn befanden. Nun ja, „was interessiert mich das?", sagte ich in Gedanken zu mir selbst und zog meinen eigenen Mantel zu Recht und richtet nochmals die Krawatte. MOMENT! MANTEL!? KRAWATTE!? Ich war doch nur auf dem Weg in die Stadt. Alles was ich wollte war Einen trinken zu gehen. Nun ja eigentlich hatte ich 50€ in der Tasche und wollte diese 1:1 am Tresen gegen Scotch tauschen. Es gibt nichts bessere um sein Leben zu vergessen als Scotch. Doch normaler weise tätigte ich solche Vorhaben in Hemd und Jeans. Ich mochte meinen Anzug sehr, denn in ihm fühle ich mich am wohlsten. Sollte ich mich nun so sehr in ihn verliebt haben, daß ich ihn schon unbewußt zum trinken anzog? Nun ja, was solls dachte ich, So passe ich hier wenigstens ins Bild. Doch das stimmte so nicht ganz. Als ich aus meiner Verwunderung erwachte, erkannte ich plötzlich, daß sich das Bild um mich herum wieder gewandelt hatte.
Die Anzugtypen hatten sich in den ersten Waggon, ganz nach vorne verzogen und standen dort dicht an dicht. Der zweite jedoch war nur mit jungen Mädchen, alle um die 20 Jahre alt, besetzt. Sie waren keine Models oder ähnliche Besonderheiten, Auch wenn die Eine oder Andere meinen Geschmack schon sehr traf. 2 fielen mir besonders auf. Die eine saß auf der linken, die Andere auf der rechten Seite des Wagens. Sie sahen Menschen ähnlich, die ich früher einmal kannte und die mir damals sehr viel bedeuteten. Schon einige Zeit hatte ich nichts mehr von Ihnen gehört, was eigentlich schade war, Wenn ich genau darüber nachdenke. Trotz allem war ich in diesem Moment zu träge um aufzustehen und mich genau zu versichern, ob sie es wirklich waren.
Meine Gedanken schweiften unweigerlich in die Vergangenheit zurück. Das Mädchen auf der linken Seite erinnerte mich an eine gute Bekannte, mit der Ich mich früher sehr gern unterhalten habe, da ich mit Ihr über so ziemlich alles reden konnte. Zu dem war sie eine recht angenehme Erscheinung. Ich fühlte mich wohl in Ihrer Nähe. Ich weiß nicht mehr was genau passiert war, jedenfalls riß der Kontakt plötzlich ab. Dennoch werde ich den Anblick Ihrer langen blonden Haare, ihre treuen Augen, ihr hübscher Mund, doch vor all diesen Äußerlichkeiten ihr liebenswertes Wesen nie vergessen können. Das Mädchen auf der rechten Seite dagegen ähnelte jemanden, den ich persönlich nie kennen lernen durfte. Ich lernte sie im Net kennen, fand sie jedoch von Anfang an sympathisch.
Sie war nicht wie die anderen Frauen die ich kannte… sie war zweifellos etwas besonderes, denn sie besaß Einfühlungsvermögen, Toleranz, Geist, und war umwerfend schön. Leider verlief auch diese Sache im Sande, da sie Ihr Medizinstudium zu sehr beanspruchte. Ich hätte alles gegen Ihre einmal persönlich gegenüber stehen zu können um Ihr zu sagen was ich fühlte.
Es kostet mich Mühe, meine Gedanken aus der Vergangenheit zurück zu holen. Gerade als wir wieder eine Haltestelle verlassen hatten, diesmal stieg niemand ein oder aus, schaffte ich es…
Wir waren kaum 3 Minuten gefahren, da hörte man es laut rumsen. Draußen ertönte ein langer Schmerzensschrei, auf den dann eine bedrückende Stille folgte. Man brauchte nicht viel Fantasie um sich auszumalen was dort gerade passiert haben. Und so erhob sich eine Mischung aus verzweifelten „Oh mein Gott" schreien und wilden Gefluche. Während die Mädchen sich an den Scheiben die Nasen platt drückten, griff die Anzug Fraktion geschlossen zum Handy um Termine abzusagen.
Mein Blick schweifte zurück, zu den beiden jungen Frauen, die kürzlich so mein Interesse geweckt hatten. Zu erst zur Rechten. Sie saß immer noch auf ihrem Sitzt, schaute jedoch bestürzt. Als meine Augen nun nach Links wanderten stutzte ich, den der Platz war nun plötzlich leer. In der Masse hätten sie sich abzeichnen müssen, da sie ein auffälliges rosa Oberteil trug. Die war jedoch auch nicht der Fall. Mir wurde das zu bunt. Ich stand auf um Auszusteigen und nachzusehen, was passiert war, als ich die Stufen der Straßenbahntür hinunter ging, konnte ich noch erkenne, wie es dieses Mädchen, welches eben noch so bestürzt auf Ihrem Platz lag. Sie eilte sofort nach vorn. Irgendwer lag auf den Schienen. Das Gesicht war blutüberströmt und nicht zu erkennen, Die rosa Stoffetzen die dorf überall rumlagen, sagen mir jedoch ziemlich deutlich, dass es niemand anders als das Mädchen aus der Bahn gewesen sein kann, welches da lag. Aber wie ist das passiert? Niemand war ausgestiegen, oder war mir dies nur entgangen? Die junge Frau, welche mit mir ausgestiegen war, kümmerte sich Rührselig um den leblos daliegenden Körper, und schien auch genau zu wissen was, sie tun muß. Da ich keine Lust auf die dummen Fragen der Polizei hatte, und dazu noch sah, dass sich jemand um das Unfallopfer kümmerte, beschloß ich zu Fuß weiter zu gehen. Ich erkannte noch wie sich die junge Helferin unter Tränen der Verzweiflung an der Straßenbahn stützen mußte um aufstehen zu können, scheinbar war sie sie machtlos gewesen. Und so war es vielleicht Gottes Vorsehung, das genau in diesem Moment ein Blitz in die Oberleitungen Einschlug, da sich das tröpfeln in ein handfestes gewitter gewandelt hatte. Es bedurfte nur eine Sekunde als mit einem schmerzverzehrten Schrei plötzlich 2 leblose Frauen am Boden lagen.
Mein Herz hörte für Sekunden auf zu schlagen. Die Stille wurde plötzlich durch einen erneuten Schrei durchbrochen, und ich merkte dass er Aus meinem Munde kam. Umzog wohler fühlte ich mich als ich einfach die Augen Aufschlagen konnte, und sah das ich immer noch in meiner Straßenbahn saß. Natürlich nicht mit Schlips und Kragen, sondern mit Hemd und Jeannes.
Ich war ziemlich erleichtert als ich merkte, daß ich plötzlich am Ziel war und Aussteigen konnte… Doch war dieses Ziel bereits 3 Haltestellen vor dem Eigentlichen. Ich beschloß mein hart verdientes Geld, Justitiar ist schließlich kein einfacher Beruf, lieber in einen netten Blumenstrauß zu tauschen und eine gute Freundin zu besuchen, die ich schon ziemlich lange weder gesehen noch gesprochen hatte, und diese zu überraschen. Der Gedanke an ihr blondes Haar, aber vor allem an ihr liebreizendes Wesen, zauberten mir plötzlich ein Lächeln auf die Lippen als die Straßenbahntür sich öffnente und ich Hinaus in den schweren Sturm trat…

13.5.08 20:46, kommentieren

Werbung